Geschichte

Aus 600 Jahren –

Ein Blick in die Geschichte unserer Bruderschaft

Es ist ungewöhnlich – und doch verfügt unsere Bruderschaft über eine Bestätigungsurkunde vom 7. September 1487, die im Original im Archiv der Stadt

Bad Münstereifel aufbewahrt wird, aber dennoch kann niemand verlässlich sagen,

wann die Bruderschaft denn nun wirklich gegründet wurde.

 

In der Bestätigungsurkunde ist nämlich von der „lange Zeit her bestehenden Bruderschaft“ die Rede – und diese Formulierung ist dehnbar. Die Suche nach dem

„richtigen“ Datum blieb bislang erfolglos.

 

Ende der 1940er Jahre glaubte der damalige Oberpfarrer Dr. Rothkranz in einem Eintrag der „Münstereifeler Chronik“ des Stiftsherrn Tilmann Flunsch das Gründungsdatum gefunden zu haben. Er publizierte es in der Zeitschrift „Der Schützenbruder“, über es Eingang in die wissenschaftliche Literatur fand, bis der Bonner Historiker Dr. Wolfgang Herborn die Quelle kritisch hinterfragte. Das ernüchternde Resultat: Der Eintrag, demzufolge der Herr von Saffenberg 1398 bei Kuchenheim „tot blieb“, gibt keinerlei Hinweise auf die Entstehung unserer Bruderschaft.

 

Herborn förderte aber auch einen Zeitraum zu Tage, in dem zumindest der Strafenkatalog des 15. Jahrhunderts entstanden sein muss. Er ist in der Urkunde von 1487 enthalten. Anhand der genannten Münzen und ihrer Umrechnung konnte er für den Strafenkatalog den Zeitraum von 1437 bis 1475 ermitteln. Bestraft wurde z.B. das Würfelspiel im Schützenhaus und Auseinandersetzungen zwischen den Schützenbrüdern. Alle Bußgelder sollten vom Brudermeister für den Gottesdienst verwendet werden. Die Münstereifeler St. Sebastianer besaßen in der Stiftskirche St. Chrysanthus und Daria einen eigenen Altar, der ihrem Patron geweiht war. Anders als im heutigen Vereinsrecht war es damals den Menschen sehr wichtig, dass sie über den Tod hinaus Mitglied in der Bruderschaft blieben. Stärker als wir heute waren sie davon bedroht, plötzlich und unversehen aus dem Leben gerissen zu werden. Die Mitgliedschaft in der Bruderschaft garantierte für den Verstorbenen Seelenmessen und ähnliche spirituelle Wohltaten, die die Seele des Verstorbenen vor der ewigen Verdammnis retten sollte. Daher war die höchste Strafe auch Geldwert bemessen: Das Schlimmste, was einer Schützenschwester oder einem Schützenbruder widerfahren konnte, war der Ausschluss aus der Schützengemeinschaft.

Der Schwerpunkt des Bruderschaftslebens lag damit im karitativen Bereich. Doch werden in der Urkunde auch schon das Schießwesen und das Königsschießen erwähnt. Eine Schießbahn konnte die Bruderschaft ihr Eigen nennen, wenn deren Standort auch schon im 15. Jahrhundert mehrfach wechselte. Um die sportlichen Belange kümmerte sich der Schießmeister. Dessen Amt wird in der Urkunde ebenfalls genannt, wie auch das Amt des Brudermeisters.

Wenn um die Königswürde geschossen wurde, war der Papagei das Ziel. Diese bunten Vögel kannte man schon in der Antike und der Papagei war damals der typische Schützenvogel. Heute ist er vom „edleren“ Königsadler abgelöst. Der neue Schützenkönig erhielt nicht nur ein größeres Weingeschenk, sondern auch das Privileg der Steuerfreiheit. Damit verbunden, war die Verpflichtung, die Schützenschwestern und -Brüder bei Geselligkeiten frei zu halten. Diese Tradition haben die heutigen Schützen etwas modifiziert. Heute erhält die neue Majestät einen Zuschuss aus der Vereinskasse; die Anzahl, der Runden, die die Majestät spendiert, ist begrenzt. Diese Regelung aus den 1990er Jahren hat den Sinn, dass jeder die Möglichkeit haben soll, sich um die Königswürde zu bewerben. Der Kreislauf, dass der jeweilige König sich versucht sieht, seinen Vorgänger an Freigiebigkeit zu übertreffen, ist damit zum Wohle der Bruderschaft durchbrochen. Seit 1998 dürfen auch Frauen gleichberechtigt mit den Männern um die Königswürde schießen. Seither waren die Damen geringfügig erfolgreicher als die Männer.

 

Bis zur Französischen Revolution konnte die Schützenbruderschaft gedeihen. Zeitweise wurde sie noch um zwei weitere Bruderschaften (St. Rochus und Heilig Kreuz) erweitert* Streitigkeiten um die Schießbahn im östlichen Wallgraben entspannen sich jedoch im 17. Jahrhundert. Damals gründeten die Jesuiten ein Kolleg und das St.-Michael-Gymnasium in Münstereifel und sie beanspruchten den Wallgraben, in dem die Schützen übten. Beigelegt wurde der Streit mit einem Kompromiss.

 

Als die Französischen Revolutionstruppen 1794 ins Rheinland einmarschierten, wurde jedoch vieles anders. Münstereifel, bis dahin Mithauptstadt im Herzogtum Jülich, verlor seine führende Position und so wichtige Behörden wie Gericht, Finanzamt, Sitz des Amtmannes usw. Die alten Zünfte und Bruderschaften wurden aufgelöst.

 

So musste man 1816 einen Neuanfang wagen. Er gelang. Im bürgerlichen 19. Jahrhundert erwuchst Konkurrenz in der Stadt in Gestalt von bürgerlichen Schützengilden, die – anders als die St. Sebastianer – nicht konfessionell gebunden waren. Es spricht für die integrative Kraft der traditionellen Bruderschaft, dass sie beide Male die bürgerlichen Vereine integrieren konnte.

 

Neuanfänge mussten auch nach den beiden Weltkriegen gemacht werden. Während des Ersten Weltkrieges war jegliches Vereinsleben eingestellt worden. Anders verhielt es sich in der NS-Zeit. Damals war ein konfessionell geprägtes Schützenwesen mit der Ideologie der Machthaber nicht vereinbar.

 

Unter den Beschränkungen durch die jeweiligen Besatzungsmächte gelangen die Neuanfänge dennoch. Damit sich die Bruderschaft aber weiter entwickeln konnte, wurde die konfessionelle Bindung in den 1960er Jahren aufgegeben. Die Öffnung tat der Bruderschaft gut. Neue Abteilungen wurden gegründet. Anfang der 1970er Jahre traten zu den Historischen, den Sportschützen und den Jungschützen neu hinzu die Damenabteilung und die Bogenschützen. Mittlerweile gibt es auch eine sehr aktive Seniorenriege.

 

So mag man das Fazit ziehen: 600 Jahre alt, aber aktiver denn je.

 

Von Harald Bongard